Sonic Footprints – eine Einladung,
mit den Ohren zu denken
Halten Sie sich abwechselnd Ihre Ohren zu, um eine akustische Trennung von links und rechts zu erzeugen. Achten Sie auf Quelle, Entfernung und Richtung aller Geräusche, die Sie aktuell wahrnehmen.
Inwiefern können Sie den Raum beschreiben, in dem Sie sich befinden, basierend auf diesen Geräuschen? Ist es ein kleiner Raum, eine Halle, sind Sie draußen? Welche akustischen Mitspieler, menschlicher, tierischer und maschineller Kultur haben Teil an der Erzeugung dieses akustischen Raums? Wer und Was teilt sich diese Sphäre – und gibt es Akteure, die Sie momentan eventuell gar nicht wahrnehmen, weil sie zu leise sind oder übertönt werden?
Ich möchte Sie einladen, während Sie den folgenden Text lesen, sich immer wieder auf Ihr Gehör zu konzentrieren. Lesen Sie nicht allein mit Ihrem Verstand, sondern ziehen Sie Ihren akustischen Sinn mit hinzu.
Eine trübe Sicht
Rotterdam, 2022
Ein dichter Nebel liegt in der Luft, als ich den Strand am Hoek van Holland in der Nähe Rotterdams entlangspaziere. Zu meiner Linken strömt die Maas in kontinuierlicher Bewegung der Nordsee entgegen – eine Akkumulation unzähliger Zuflüsse, die sich von der Schweiz über Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zu dem 1200 Meter breiten Strom versammelt haben, der sich gerade vor mir in der Nordsee wieder auflöst. Es ist eine Momentaufnahme ständiger Bewegung; jeder Kubikmeter Wasser einzigartig in seiner räumlich-zeitlichen Dimension.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Maas zeichnen sich im Nebel die dunklen Silhouetten monumentaler Stahlkonstruktionen ab – Kräne der Maasvlakte 2, die in permanenter Bewegung Schiffe be- und entladen. Die Sicht ist durch den Nebel eingeschränkt, und ihre Formen erscheinen nur als Umrisse, die sich wie hungrige Drachen über die Ladung der Schiffe hermachen. Die metallischen Schläge der Container, die wie in einem überdimensionalen Tetris-Spiel aufeinandergestapelt werden, tragen jedoch weit über das Wasser bis zu mir. Die kinetische Energie, die nötig ist, um die ungeheuren Massen an Ladungen zu bewegen, lässt sich hier förmlich hören. Mit jedem Schritt in Richtung Ufer gewinnen die Geräusche an Kontur. Ihr metallisches Hallen erinnert mich an Industrial Techno, der vor einigen Jahren ein besonders gehypter Sound in der Rotterdamer Musikszene war. Es ist naheliegend, dass eine Stadt wie Rotterdam, die über den größten Hafen Europas verfügt, gleichzeitig eine Hochburg für Musik wurde, die aus den Sounds ebendieser Industrie entstand. Auch etymologisch sind hier Musik und Industrie miteinander verwandt. Unter Soundforschern werden Klänge, die durch menschengemachte Technologie erzeugt werden, Technophony genannt, eine Unterkategorie der Anthropophonie.
Am Strand hinter mir erklingen vereinzelt die Schreie umherfliegender Möwen. Es ist ein beliebtes Urlaubsziel in der Gegend. Der Kontrast wirkt beinahe surreal: Dort ein Sandstrand, der mich an die Urlaube meiner Kindheit erinnert, während sich am anderen Ufer eine Szenerie auftut, die ebenso gut eine Kulisse aus einem Science-Fiction-Film sein könnte. Als wäre die Maas eine Grenze zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch direkt nebeneinander existieren.
Erst jetzt wird mir bewusst, wie lautlos die massiven Schiffe sind, die durch die graue Dichte des Nebels gleiten. Das Dröhnen der Maschinen, die nötig sind, um diese Ungetüme voranzutreiben, scheint von der Wasseroberfläche komplett verschluckt zu werden. Es ist, als würden meine Sinne getäuscht, indem ich Dinge höre, die sich hinter einer dichten Nebelwand verstecken, und gleichzeitig Dinge sehe, deren Klänge sich unter der Wasseroberfläche verstecken. Die gewohnte Verknüpfung von Gesehenem und Gehörtem scheint sich an diesem Ort aufzulösen.
Die Vernebelung meiner Sicht lässt mich immer mehr auf die Geräusche konzentrieren, die mich umgeben, und macht deutlich, wie räumlich diese sind: Hinter mir das sporadische Rufen von Möwen, vor mir das ferne Schlagen von Stahl auf Stahl. Je länger ich zuhöre, desto klarer wird das räumliche Gefüge, das diesen Klängen zugrunde liegt. Geräusche markieren Positionen, Distanzen, Bewegungen. Der Raum dieses Ortes konstituiert sich akustisch.
Die Komponistin Pauline Oliveros unterschied zwischen Hören (als physiologischem Vorgang) und Zuhören (als intentionaler Praxis). Während das Hören ununterbrochen stattfindet, da wir kein Organ haben, das unsere Ohren verschließt, wie die Augen, erfordert das Zuhören eine bewusste Entscheidung. In einer nebeligen Umgebung verschiebt sich die Konzentration dabei oft ganz automatisch auf das Gehör und akustische Signale werden viel bewusster wahrgenommen, als sonst.
Ich frage mich, wie es wäre, die Reichweite meines Hörens zu erweitern – akustische Räume zu erschließen, die mir gewöhnlich unzugänglich bleiben. Wenn die Schiffe hier oben so leise erscheinen, wie klingen sie wohl unter Wasser? Welche akustischen Sphären existieren jenseits des Sichtbaren, jenseits der Atmosphäre, in der wir atmen und hören, und jenseits dessen, was dem menschlichen Hörvermögen zugänglich ist?
Delphine beispielsweise haben ein Hörvermögen, das bis 200.000 Hz reicht; sie nutzen Ultraschall zur räumlichen Orientierung. Für Delphine ist das, was ich gerade im Nebel erlebe, ihre sensorische Realität, denn das Meer ist selten glasklar, sondern trüb. Das, was die Augen in einer solchen Umgebung nicht leisten können, haben die Ohren evolutionär übernommen; als primäres Organ der räumlichen Orientierung. Für den Delphin besteht Raum nicht aus Licht, sondern aus Sound, seine Artgenossen haben kein Aussehen, sondern einen Klang, der Meeresboden hat für ihn keine Form sondern ein Sound.
Je länger ich hier stehe und höre, desto deutlicher wird mir, dass meine Wahrnehmung nur einen Ausschnitt eines weit umfassenderen Geschehens der akustischen Welt erfasst. Über der Wasseroberfläche erscheint die Umgebung gedämpft, beinahe ruhig. Unterhalb jedoch beginnt eine Sphäre des Sounds, die meine menschlichen Wahrnehmungsorgane gar nicht ganz erfassen können. Trotzdem ist sie kontinuierlich von anthropogener Aktivität, wie dem Verkehr von Schiffen, durchzogen. Wie die Maas hier eine Grenze zwischen industrieller Infrastruktur und touristischer Idylle markiert, bildet die Wasseroberfläche eine Schwelle zwischen zwei akustischen Welten: der der Luft und der des Wassers.
Schall und Raum
Wie ich denselben Fluss nur einmal betreten kann, so höre ich auch jedes Geräusch nur ein einziges Mal. Schall ist ein zeitlich begrenztes Phänomen – Druckwellen, deren Existenz sich in ihrer Ausbreitung durch Raum und Zeit vollzieht. Die Geräusche der vorbeiziehenden Schiffe verlieren sich im Wasser wie der Fluss im Meer. Ihre Präsenz ist flüchtig. Eine unsichtbare Welt des Ephemeren: nicht greifbar, nicht fixierbar, und doch kontinuierlich wirksam.
Allmählich begreife ich, dass Umwelt nicht ausschließlich aus sichtbaren Landschaften besteht, sondern aus Wahrnehmungsräumen. Aus Zonen, in denen verschiedene Organismen mit unterschiedlichen sensorischen Fähigkeiten dieselbe Umgebung teilen – oder zunehmend nicht mehr teilen können. Der globale Schiffsverkehr erzeugt, trotz der ephemeren Natur des Schalls, eine permanente akustische Präsenz entlang maritimer Routen. Jedes transportierte Produkt hinterlässt einen akustischen Fußabdruck: eine Spur aus Klang, die Produktions- und Transportprozesse in den Raum einschreibt. Dabei muss sie nicht mal besonders laut sein, um sich ökologisch auszuwirken. Auch ein leises Rauschen kann bereits den weit entfernten Ruf eines Delfin übertönen und wirkt sich damit auf sein Kommunikations- und Orientierungsverhalten aus.
Für den Delphin, dessen räumliche Umgebung aus Klang besteht, sind diese akustischen Routen wie ein Labyrinth, das ihn zwischen Wänden aus Sound einsperrt. Beobachtungen von gestrandeten Delphinen im Zusammenhang mit seismischen Aktivitäten im Meer zeigen, wie sehr Lärm ihre Orientierungsfähigkeit beeinträchtigt.
Gerade hierin liegt eine besondere Form der Unsichtbarkeit. Lärm sedimentiert nicht wie Abfall, er hinterlässt keine sichtbaren Rückstände, keine Verfärbungen, keine materiellen Narben. Und doch transformiert er Räume nachhaltig, schon lange bevor er zur tödlichen Gefahr wird. Er verschiebt Wahrnehmungsschwellen, maskiert andere Signale, verändert Kommunikations- und Orientierungsbedingungen. In einer Welt, die zunehmend industriell durchklungen ist, verändern sich Ökosysteme, verändert sich das Verhalten von Tieren, verändert sich das Vorkommen von Arten auf schleichende, unsichtbare Weise.
Mir wird bewusst, wie stark mein ökologisches Denken visuell geprägt ist. Probleme erscheinen dort, wo etwas sichtbar fehlt oder beschädigt ist. Doch was geschieht mit Phänomenen, die sich dem Blick entziehen? Mit Schall, der sich über Kilometer ausbreitet, mit Frequenzen außerhalb meines Hörbereichs, mit akustischen Räumen, die ich niemals betreten werde? Das Unsichtbare der Ökologie ist kein leeres Terrain – es ist lediglich nicht enthalten im anthropozentrischen Denken.
Anthropophonisches Anthropozän
Der mittlerweile recht alt gewordene Begriff „Anthropozän“ verfolgt die Idee, dass sich die Erde durch menschliche (vorwiegend industrielle) Aktivitäten in ein neues geologisches Zeitalter begeben hat. Begründer und Vertreter der Idee sind Chemiker, Atmosphärenforscher und Paläobiologen. Sie messen Werte und beobachten die Erde durch Luft- und Satellitenaufnahmen. Die Bilder gerodeter Waldflächen oder von Tagebauflächen, sind dabei zum visuellen Synonym für das Anthropozän geworden. Bislang nicht enthalten in Ihren Theorien: der unsichtbare, ephemere Klang dieser globalen industriellen Infrastrukturen. Er frisst er sich unbemerkt in die Landschaft ein, und hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Doch abseits des Sichtbaren kann man Spuren finden, kann man sie hören. In dem künstlerischen Forschungsprojekt Fragments of Extinction untersuchte der Komponist David Monacchi die Biodiversität des Ecuadorianischen Regenwaldes durch akustisches Monitoring. Dabei stellte er fest, dass das leise Rauschen einer Pipeline, die durch den Wald verlegt wurde, einen bislang unbemerkten Effekt auf das Vorkommen von Tierstimmen hatte – und das in einem Stück Wald in dem ansonsten keine menschlichen Aktivitäten stattfinden.
Es ist ein Effekt, der für den Menschen nur begrenzt wahrnehmbar ist und erst recht nicht von Satelliten aus entdeckt werden kann. Als Folge menschlicher Aktivität in Ökosystemen wird Lärm zu einem unsichtbaren Bestandteil des Anthropozäns, der wenn man mal hinhört, nicht mehr überhört werden kann.
Was bleibt, wenn das Sichtbare wegfällt? Nichts, was uns nicht schon immer umgab – nur die Erkenntnis, dass die Welt nicht nur gesehen, sondern gehört wird. Die Anthropophonie schreibt den Menschen akustisch in Ökosysteme der ganzen Welt ein, selbst dort, wo er selbst nicht präsent ist. Schall überwindet räumliche Grenzen und konkurriert mit den akustischen Lebensräumen diverser Arten. Ökosysteme bestehen zu einem großen Teil aus den Wahrnehmungsräumen der darin lebenden Spezies und dadurch auch aus Sound.
Ökologie muss sich Klang als Forschungsmedium bedienen, um die Interaktion von Lebewesen und damit auch den Folgen menschlichen Handelns zu verstehen. Die Musik hat längst erkannt, dass Klang nicht nur Ausdruck ist, sondern eine Methode, die Welt zu verstehen. Techno ist womöglich bereits eine emotionale Reaktion auf die akustische Landschaft des Anthropozäns und legt damit bereits einen Fokus auf die Wirkung Technophonen Lärms. Die akustischen Fußabdrücke, die das Anthropozän hinterlässt, sind zeitbasiert – Ihre Wirkung dagegen wird sich aber noch weit in der Zukunft wiederfinden.
Informationen & Credits
Learnings
Ökologisch zu sein bedeutet, sich nicht nur mit der materiellen Welt auseinanderzusetzen, sondern auch mit Phänomenen, die auf Lebewesen einwirken. Sound ist dabei von besonderer Bedeutung: Viele Spezies kommunizieren und orientieren sich akustisch. Diese Fähigkeiten werden durch anthropogenen Lärm zunehmend beeinträchtigt.