Blaupause
Von meinem Balkon aus erblicke ich den Vollmond und staune, wie hell er den Garten erleuchtet. Fiat Lux – es werde Licht.
Licht ermöglicht Sehen. Es regt uns an, informiert und begeistert uns. Es bestimmt, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir uns fühlen. Ohne Licht gäbe es kein Leben. Es steuert den Stoffwechselprozess und die Entwicklungsvorgänge von Pflanzen. Licht ist paradox: Es ist immateriell, und doch gäbe es ohne Licht keine visuell wahrnehmbare Welt. Wie bei der Cyanotypie, zeichnet das Licht das Bild. Nur Sonne, lichtempfindliches Papier, Zeit, am Ende entsteht ein Abdruck.
In der fernöstlichen Philosophie ist Licht untrennbar mit Dunkelheit verbunden. Schatten ist Yin, Licht ist Yang, nicht als Gegensätze, sondern als Dualität. Zwei Seiten derselben Münze. Sichtbares und Unsichtbares bedingen einander. An Sonne und Mond haftet etwas Mystisches. Nicht ohne Grund bildet das Licht meist eine Prämisse des Göttlichen. Denn in der Nähe der Sonne liegen der Olymp, Walhalla oder der Himmel. Im 17.Jahrhundert begann die wissenschaftliche Erforschung des Lichts und somit dessen Säkularisierung. Die Beobachtungen und Analysen der neuzeitlichen Wissenschaft brachten bildlich gesprochen Licht ins dunkle Mittelalter und läuteten ein neues Zeitalter ein. Das Licht wurde zum Symbol für die Aufklärung. Im Englischen wird hierfür der Begriff «The Age of Enlightment» genutzt.
Das Sichtbare in unserer von Menschen geschaffenen Welt, Städte, Bilder, kulturelle Objekte, Rituale, ist bedingt durch das Unsichtbare wie Beziehungen, Werte und Haltungen. Das Sichtbare ist der Ausdruck des Bedürfnisses des Unsichtbaren nach einer Formgebung. Was wäre, wenn das Sichtbare gar nicht wegfällt, sondern sich lediglich wandelt? Die Thermodynamik zeigt, dass Energie nicht verpuffen kann, sondern dass sie übertragen oder umgewandelt wird. Das Sichtbare verwandelt sich, geleitet durch den Wandel der Werte. Während ich die Cyanotypie-Papiere in der zu warmen Februarsonne auslege, beobachte ich diesen Prozess. Das zuvor hellgrün bestrichene Papier hat sich dunkelblau gefärbt.
Design mit Haltung bedeutet, bewusst zu wählen, was wir erhellen wollen. Welche Spuren hinterlassen wir, wenn sich das Sichtbare wandelt? Wir sollten nicht grelleres Licht setzen, sondern gezielt, auf das, was wirklich zählt. Mit Design Verantwortung zeigen.
Doch nicht jede Transformation erhellt. James Bridle diagnostiziert, dass wir im 21.Jahrhundert zwar mit riesigen Wissensspeichern verbunden sind, aber noch nicht gelernt haben, zu denken. Im Gegenteil: Was eigentlich dazu gedacht war, die Welt zu erleuchten, verdunkelt sie in der Praxis. Die Wissensflut vernebelt und spaltet, statt zu verbinden. Verschwörungstheorien, postfaktische Politik und vereinfachte Narrative entstehen nicht trotz, sondern wegen des Internets. Ein neues dunkles Zeitalter entsteht dort, wo Wissen durch dessen Fülle und ohne Reflexion zur billigen Ware wird und seinen Wert verliert.
Wir befinden uns mitten in einem Schwellenzustand, einer Zeit des Wandels, die Gestaltungsspielräume eröffnet. Laut Maja Göpel vergessen wir durch das ständige Mehr und Grösser, dass besser auch ein Ziel sein kann. Halten wir einen Moment inne, versöhnen wir uns mit der Dunkelheit und suchen wir nach neuen Wegen, um die Welt in einem anderen Licht zu sehen und sie sinnvoll, handlungsfähig sowie gerecht zu gestalten.
Als Gestaltende sind wir darin geübt, Brücken zu schlagen zwischen Disziplinen, Perspektiven, dem Heute und Morgen. Wenn wir Design als ergebnisoffenen Prozess verstehen, eröffnen sich Möglichkeitsräume. Entscheidend ist nicht das Resultat, sondern der Prozess. Welche Kompositionen und Materialien probiere ich bei der Cyanotypie aus? Organische und synthetische? Flüssige und feste? Das Experimentieren kann zu neuen Erkenntnissen führen und für Überraschungen sorgen. Das Verfahren steht sinnbildlich dafür, dass Gestaltung demokratisch sein kann: Wir benötigen keine teure Ausrüstung, sondern nur Sonne, beschichtetes Papier, Wasser, etwas Mut zum Experimentieren und Ergebnisoffenheit. Die entscheidende Frage ist: Wem dient das, was wir gestalten? Design ist nie neutral. Es beeinflusst, wie Menschen miteinander umgehen und interagieren sowie ihre Umwelt erleben. Gestalten kann verbinden und Teilhabe ermöglichen.
Aus dem Imaginieren neuer Blaupausen entsteht Handlungsspielraum. Aus Handlung Veränderung. Design mit Haltung bedeutet, bewusst zu wählen, was wir erhellen wollen. Welche Spuren hinterlassen wir, wenn sich das Sichtbare wandelt? Wir sollten nicht grelleres Licht setzen, sondern gezielt, auf das, was wirklich zählt. Mit Design Verantwortung zeigen.
Ich betrachte im Garten meine fertigen Cyanotypie-Bilder. Die Sonne wird von vorüberziehenden Wolken verschleiert. Doch die Bilder haben den Moment der Wärme eingefangen.
Learnings
Ich möchte anderen in ihrem Schaffen die Fragestellung mitgeben, aus welcher Perspektive etwas geschaffen wird und wem es nützt. Gestaltung ist selten neutral. Denn das was wir tun, steht immer in Verbindung mit dem, was uns umgibt.