Hinter der Kunst: Die unsichtbaren Spuren meines Atelieralltags
Hintergrund
Wir alle kennen die grossen Themen des «weniger» oder «Verzichts» zu Gunsten der Umwelt: weniger fliegen, weniger Fleisch, weniger Autofahren, weniger heizen. Diese Debatten sind präsent und werden im Alltag vieler Menschen heute bereits mehr oder weniger berücksichtigt.
Doch wie sieht es aus, wenn ich nicht die bereits bekannten Umweltfaktoren, sondern spezifisch meinen eigenen Atelieralltag genauer betrachte? Fakt ist: Ich muss mich im Atelier beim Malen frei bewegen können, meine Materialien müssen praktisch und robust sein – Pinsel, Spachtel, Farben, Behälter und vieles mehr gehören ganz selbstverständlich zu meiner täglichen Arbeit und werden auch immer wieder benützt.
Ausgehend vom Leitmotiv «Was bleibt, wenn das Sichtbare wegfällt?» möchte ich untersuchen, welche «blinden Flecken» sich in mein Umweltbewusstsein eingeschlichen haben. Was passiert, wenn nicht das fertige Bild im Zentrum steht, sondern die Voraussetzungen, die es überhaupt ermöglichen?
Wenn das sichtbare Kunstwerk wegfällt, bleiben ich und die Utensilien, die mich durch den Schaffensprozess begleiten. Ich schaue hinter jeden einzelnen dieser Bestandteile und frage: Welche ökologischen Spuren hinterlassen meine Arbeitskleider und Werkzeuge – und welche davon habe ich bisher übersehen?
Ziel
Ziel ist die Entwicklung eines visuellen Instruments, das die unsichtbaren ökologischen Spuren gestalterischer Praxis sichtbar macht. Über fotografische Portraits von Arbeitskleidung, Werkzeugen, Materialien und Arbeitsumgebungen entsteht eine strukturierte Methode, die auf meinen eigenen Atelieralltag angewendet wird.
Vorgehen und Inhalt
Mein Beitrag für echoezine besteht aus einer Struktur, die als Vorlage für Portraits dient. Dies jedoch nicht für Portraits von Personen selbst, sondern für Portraits und ihre ökologischen Spuren. Die Portraits entstehen über die sichtbaren Elemente ihrer gestalterischen Praxis: Kleidung und Werkzeuge (ev. auch Umgebung und Arbeitsabläufe). Kern des Beitrags ist ein Konzept, das aus zwei fotografischen Elementen sowie einer Anleitung besteht. Diese unterstützen die Selbstreflexion und ermöglichen eine Einordnung in eine Skala oder qualitative Bewertung. Diese Skala ist nicht primär wertend, sondern soll ein Bild vermitteln: Wo bin ich nachhaltig – und wo weniger?
Das Projekt schafft Raum für Erkenntnis, ohne zu beurteilen.
Umsetzung
Foto 1 zeigt meine Atelierkleidung und eine Auswahl an Werkzeugen, die ich für meine gestalterische Arbeit benutze. Sie sind arrangiert und fotografisch so inszeniert, dass Materialität, Textur und Funktion sichtbar werden.
Foto 2 bildet die Unterlage (hier: Tisch aus dem Atelier). Die Objekte aus Foto 1 (Kleider, Arbeitsmaterialien) werden in der gleichen Farbe auf dieser Unterlage als Silhouette grafisch nachgezeichnet. Auf den Silhouetten markieren farbige Punkte (hier gelb) jene Stellen, an denen Hintergrundsinformationen (Umweltfaktoren) hinterlegt sind, die sich per Mausklick öffnen lassen.
Das ergibt drei verschiedene Ebenen:
- Silhouette des Objekts (z. B. Pinsel, Kerze, Utensilienständer)
- Punkte als Kategorien (Alter, Material, Herkunft, Reinigung, Nachhaltigkeits-Score)
- Öffnender Text (kurz, präzise, poetisch-technisch)
In der Programmierung von echoezine musste auf diese Umsetzung per Mausklick auf die 3 verschiedenen Ebenen verzichtet werden.
Auf Foto 2 wird also das Unsichtbare sichtbar: Per Mausklick – so angedacht – werden Informationen wie Herkunft, Kaufort, Material, Alter und Waschart angezeigt. Das zeigt die jeweiligen UmwelOaktoren an: Wie weit ist der Gegenstand gereist? Wie regional wurde er produziert? Aus welchem Material besteht er? Wie lange wird er schon gebraucht? Welcher Wasserverbrauch braucht er beim Verwenden? Aus welchen Inhaltsstoffen besteht er? Um die ökologische Bedeutung sichtbarer zu machen, habe ich ausgewählte Kriterien mit einem «+»-Symbol versehen.
Kriterien für meine Atelierkleidung:
1. Herkunft
CH: +++
EU: ++
China & Andere: +
2. Wo gekauft
Selbstgemacht: +++
Markt: ++
Online: +
3. Material
Bio-Baumwolle: +++
Baumwolle: ++
Polycarbonat: +
4. Alter
10–15 Jahre: +++
5–10 Jahre: ++
0–5 Jahre: +
5. Waschart
Keine: +++
30 Grad: ++
von Hand reinigen +
Hut
Made in China, Baumwolle 100%, online gekauft (neu), aus Deutschland zugeschickt, 5 Jahre alt, keine Reinigung
Total: 9
Halstuch
Made in Thailand, Baumwolle 100%, neu auf dem Markt in Frankreich gekauft, 4 Jahre alt, von Hand reinigen
Total: 7
Hemd
Made in CH, Baumwolle 100%, online gekauft (neu), zugeschickt, selber gefärbt und gekürzt, 10 Jahre alt, 30 Grad Reinigung
Total: 11
T-Shirt
Made in Turkey, Baumwolle 100%, online gekauft (neu), 3 Jahre alt, 30 Grad Reinigung
Total: 8
Hose
Made in Indonesia, Baumwolle 100%, im Laden gekauft, 15 Jahre alt, 30 Grad-Reiningung
Total: 10
Kriterien für meine Arbeitsmaterialien:
1. Herkunft
CH: +++
EU: ++
China & Andere: +
2. Wo gekauft
Selbstgemacht: +++
Markt: ++
Online: +
3. Material
Glas, Recyclingpapier, Holz: +++
Baumwolle: ++
Plastik, PET, Acryl, Wachs: +
4. Alter
20 Jahre reused: +++
10 Jahre reused: ++
Einweg: +
5. Waschart
Kein Wasser: +++
Wenig Wasser: ++
Viel Wasser +
Pinsel
Made in Sweden, Plastik, im Laden gekauft, 20 Jahre alt, kalte Reinigung
Total: 9
Gläser mit Farbe (Rot, Blau, Gelb)
Made in CH, Glas, 20 Jahre alt, kalte Reinigung
Total: 11
Flasche
Made in CH, PET, 20 Jahre alt, kalte Reinigung
Total: 11
Haushaltpapier
Made in CH, Papier recycled 100%, neu gekauft, Einweg
Total: 13
Farbe (Rot, Blau, Gelb)
Made in EU, Acryl, enthält Erdöl, im Spezialladen gekauft, neu
Total: 8
Kerze
Made in EU, Parafinwachs, grosse Sammlung geerbt, 10 Jahre alt
Total: 10
Utensilienständer
Made in CH, alte Gemüseraffel aus Holz und Metall, 50 Jahre alt, seltene Reinigung
Total: 14
Arbeitstisch
Made in EU, Occasion, ehemals Architektentisch, Holz verleimt, Metall, mindestens 20 Jahre alt, Reinigung mit Haushaltpapier
Total: 13
Auswertung
Ich sehe mir nach diesem Prozess die Resultate (+Punkte) an und kann feststellen, dass sich durch meine Untersuchung definitiv ein klareres Bild abgibt, was die Umwelfreundlichkeit in meinem Atelieralltag angeht. Dabei wird mir bewusst, dass es einige Wissenslücken zum Material und dessen ökologischen Fussabdruck im Rahmen meines künstlerischen Schaffens gibt.
Es ist da beispielsweise zu überlegen, wo es umwelfreundlichere Acrylfarben zu kaufen gibt. Eine Überlegung, die mich auf Farbprodukte in ähnlicher Qualität aufmerksam gemacht hat, die aber aus Recyclingmaterialien bestehen. Das Testresultat zu dieser ökologischeren Farbe fehlt noch. Oder man sieht deutlich, dass Materialien und Langlebigkeit korrelieren. Als bestes Beispiel steht hier die «uralte» ehemalige Gemüseraffel aus Holz aus meiner Kindheit da. Sie ist mit 14 +Punkten der Spitzenreiter in Sachen Umwelfreundlichkeit und Nachhaltigkeit.
Gedanken
Ich bewundere Leute, die sich als perfekt oder vorbildlich betreffend ihres ökologischen Fussabdrucks bezeichnen. Ich gebe zu, auch ich bilde mir ein wenig auf mein selbst auferlegtes Flugverbot etwas ein… Aber niemand in der Schweiz wird den zu grossen ökologischen Fussabdruck verhindern/vermeiden können, auch mit noch so viel Verzicht. Nun, das weiss man. Man weiss auch, alle wissen es, wo und in welchem Sektor man ansetzen könnte: Autofahren, Kleider, Food, … doch, ein oder mehrere blinde Flecken gibt es immer… vor allem bei sich selber.
Wie perfekt darf/muss ich sein? Der Fokus auf das Unperfekte. In «Was bleibt, wenn das Sichtbare wegfällt» versuche ich – bewusst spielerisch selbstkritisch – meine Person trotzdem in den Umweltsünder-Fokus zu stellen und zu gestalten, was in Bezug auf den ökologischen Wandel an Sichtbarem wegfällt, wenn es nicht umweltbewusst ist. Das heisst, was sich in meinem Alltag, bspw die Kleider auf Körper und als Kunstschaffender die Utensilien/Werkzeuge in meinem Atelier so alles zusammenzählt/ansammelt an Unkorrektness zum Thema. Und was bleibt, weil x-mal gebraucht, recycled,…»
Informationen & Credits
Der offizielle WWF-Fussabdruck
Information über den Fussabdruck bei Wikipedia
Der CO₂-Fussabdruck liegt bei rund 11–14 Tonnen pro Person und Jahr (inklusive Ausland), was etwa dem Doppelten des globalen Durchschnitts entspricht, wobei Hauptverursacher: Verkehr (Flugreisen), Wohnen (Heizen, Strom) und Lebensmittel sind. Der ökologische Fussabdruck zeigt sogar, dass fast dreimal so viele Erden benötigt würden, wenn alle so leben würden wie die Schweizer Bevölkerung, da über 60 % der Emissionen im Ausland entstehen und die Schweiz ihre Biokapazität um das 4,4-fache übersteigt.
Learnings
Mir wurde stärker bewusst, welche Materialien – Kleider, Maluntensilien, etc – ich bereits so lange (teils seit Beginn meiner künstlerischen Tätigkeit) besitze und benütze. Und mir wurde bewusster, was ich eigentlich an Wasser, wenig ökologische Farbe/Materialien und auch eine Heizungsenergie in meinem Atelier verbrauchte.
Ich denke, es sind die kleinen Dinge im Alltag, die den selbstgemachten Fussabdruck bestimmen. Für den «grossen» Fussabdruck, nämlich der nämlich der einer CH-Bürger:in im Allgemeinen, ist meiner Meinung nach zwingend die Politik unter Zugzwang. Wir können als Einzelne nur die eigene Umgebung und Umwelt in Betracht ziehen und im Einbezug mit viel Respekt und Sorgfalt das eigene Leben in Bezug auf Umweltverträglichkeit scannen (sprich: Fleischessen, Fliegen, …) oder eben den eigenen Berufsablauf ins Visier nehmen.