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Übersicht Impuls

Im Dialog mit Sophie Falkeis:
Wo Wissenschaft auf spekulatives Design trifft

Sophie Falkeis arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Design. In ihren Projekten untersucht sie, wie der Mensch die Evolution beeinflusst, und entwirft Szenarien für eine komplexe Zukunft. Im Interview spricht sie über ihre Arbeitsweise, die Kraft von Bildern und warum die Zukunft immer im Plural gedacht werden sollte.

echoes exhibition ©Sophie Falkeis
Exhibition «Echoes of Drought», 27.8. - 5.9.2026: Cigarettenfabrik, Sihlquai 268, 8005 Zürich © Sophie Falkeis
First Encoutners ©Sophie Falkeis
First Encounters © Sophie Falkeis

echoezine: Du bewegst dich an einer speziellen Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Design. Gab es in deiner Laufbahn einen Moment oder ein Projekt, bei dem dir klar wurde: Hier liegt mein Fokus, herkömmliche Designansätze reichen mir nicht mehr aus?

Sophie Falkeis: Einen einzelnen Moment gab es rückblickend wohl nicht, aber mein Ansatz war schon immer forschend und investigativ geprägt. Mich treibt die Neugier, Dinge herauszufinden. Wenn man Design weiter fasst als nur die reine Formfindung von Objekten, stellt sich die Frage: Wie kann man Zukunft gestalten? Wie gestaltet man eine Debatte oder entwirft eine Fragestellung?

Geprägt haben mich sicher mein Studium bei Fiona Raby und Anab Jain, die das spekulative Design massgeblich mitbegründet haben. Eine Art Initialzündung war zudem meine Zeit bei Terreform ONEin New York. Dort habe ich an einem Projekt mitgearbeitet, das Habitatsräume für Monarchfalter in ein urbanes Gebäude integrierte. Diese Verschneidung von Design, Natur und Klimawandel hat mich fasziniert und in meine heutige Richtung gelenkt.


In deinen Projekten beschäftigst du dich intensiv mit der «menschgemachten Evolution». Was fasziniert dich an diesem Spannungsfeld?

Mich fasziniert die paradoxe Position des Menschen: Wir sind Teil des Systems, verhalten uns aber oft so, als stünden wir ausserhalb. Ich nutze die Ökologie als Forschungsmethode, um Zusammenhänge begreifbar zu machen. Als Menschen greifen wir tief in geologische und klimatische Prozesse ein und wundern uns dann, wenn die Auswirkungen als globale Herausforderungen zu uns zurückkehren. In meiner Arbeit geht es darum, diese Relationen wiederherzustellen – zwischen dem Individuum und hyperkomplexen Phänomenen wie dem Klimawandel.


Magst du uns mit in dein «Labor» nehmen? Wie übersetzt du komplexe wissenschaftliche Daten in greifbare Zukunftsszenarien?

Der Prozess beginnt immer mit intensiver Recherche und Gesprächen mit Fachpersonen. Dabei muss ich erst einmal die jeweilige «Sprache» lernen – etwa was ein Szenario aus hydrologischer Sicht bedeutet. Danach folgt die Transformation: Es ist kein reines Übersetzen von Daten in Geschichten, sondern eine bewusste Gestaltung.

Spekulation als Format erlaubt es, laut zu denken und disziplinäre Grenzen zu sprengen. Ein Beispiel ist mein Projekt First Encounters: Wenn ich frage, was passiert, wenn sich ein Eisbär und ein Grizzly zum ersten Mal gegenüberstehen, sind die Leute sofort mitten in der Geschichte. In meinen Installationen arbeite ich oft mit lebensgrossen Darstellungen und Sound, um das Thema weg vom rein Kognitiven hin zu einem körperlichen, emotionalen Begreifen zu führen.


Wie entstehen solche Projekte wie «echoes» oder «Turning the Ecological Gears»? Entspringen sie einer persönlichen Forschungsfrage oder dem Dialog mit Institutionen?

Das ist unterschiedlich. Mal ist es Eigeninitiative, mal eine Einladung. Bei First Encounters bin ich gezielt auf Wissenschaftler*innen zugegangen. Das Projekt echoes hingegen ist ein zweijähriges Forschungs- und Kommunikationsprojekt, das ich gemeinsam mit Dr. Dirk Karger beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) eingereicht habe. Hier verschneiden wir spekulatives Design mit hochauflösenden Klimamodellierungen, um die Folgen einer Megadürre in den Schweizer Alpen zu untersuchen.


Welchen Mehrwert bietet die Kollaboration von Wissenschaft und Design für unsere Vorstellung der Zukunft?

Wissenschaftler*innen freuen sich oft sehr, wenn man Begeisterung für ihr Forschungsgebiet teilt und es auf eine neue Art verknüpft. Design kann Daten nicht nur begreifbar machen, sondern als vielschichtige, räumliche Installation erlebbar machen. In einer Ausstellung erreichen wir einen Querschnitt der Bevölkerung – vom Kleinkind bis zur Pensionärin. Bilder haben eine unglaubliche Kraft, Menschen in eine Debatte einzuladen, noch bevor sie wissen, dass es um den Klimawandel geht.


Hast du eine Kernbotschaft, wie man sich heute in diesem ökologisch-technologischen Gefüge wirksam positionieren kann?

Sich den neuen Schnittstellen annehmen und aktiv nach Kollaborationen suchen. Wichtig ist mir auch die Erkenntnis, dass Zukunft immer im Plural existiert. Es gibt nicht den einen vorgefertigten Pfad. Die Zukunft entsteht durch die Entscheidungen, die wir heute treffen. Dieses Bewusstsein nimmt der Zukunftsangst ein Stück weit den Schrecken, weil es uns Handlungsspielraum gibt.


Gibt es Inspirationsquellen, die dich aktuell besonders prägen?

James Bridles Buch «Ways of Being» finde ich extrem spannend, besonders seine Ansätze zur Ökologie als Perspektive. Auch Gregory Batesons Überlegungen zur Wechselwirkung von Inhalt und Form («Ecology of Mind») faszinieren mich sehr.


Aus deiner Sicht: Was bleibt, wenn das Sichtbare wegfällt?

Ein Gefühl. In meinen Ausstellungen nutze ich visual storytelling, um Zusammenhänge darzustellen. Wenn das Visuelle wegfällt, bleibt hoffentlich das Gefühl des körperlichen Begreifens zurück – etwas, das auf einer tieferen Ebene mitschwingt.


Was ist das nächste «Echo», das du aussenden möchtest?

Das ist ganz konkret unsere Ausstellungseröffnung «echoes of drought ». Sie wird vom 27. August bis zum 5. September in einer alten Zigarettenfabrik in Zürich direkt an der Limmat zu sehen sein. Wir verknüpfen dort die inhaltliche Thematik des Wassers direkt mit dem Ort am Fluss.

turning eco gears ©sophie falkeis
Turning the Ecological Gears © Sophie Falkeis

Weiterführende Inspirationen
Empfehlungen von Sophie Falkeis für alle, die tiefer in die Welt des spekulativen Designs und der Ökologie eintauchen möchten:

Bücher & Theorien

James Bridle: Ways of Being – Ein faszinierendes Werk über nicht-menschliche Intelligenz und die Vernetzung von Technologie und Natur.


Gregory Bateson: Steps to an Ecology of Mind – Der Klassiker zur Wechselwirkung von Geist, Gesellschaft und Ökologie.

Wegbegleiter & Studios

Superflux (Anab Jain) – Ein Studio für spekulatives Design, das greifbare Zukunftsszenarien entwirft.


Dunne & Raby (Fiona Raby) – Pioniere des Critical Design, die Design als Medium für Debatten nutzen.


Terreform ONE – Eine Non-Profit-Organisation, die Architektur und Biologie für nachhaltige Städte verbindet (Projekt: Monarch Sanctuary).

Forschung & Projekte von Sophie Falkeis

First Encounters Eine spekulative Untersuchung und Installation über die erste Begegnung von Tierarten (wie Eisbär und Grizzly), die sich aufgrund des Klimawandels in neuen Territorien treffen.


echoes / Echoes of Drought Ein zweijähriges Forschungs- und Kommunikationsprojekt in Zusammenarbeit mit Dr. Dirk Karger an der WSL (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft), das die Auswirkungen von Extremereignissen wie Megadürren in den Alpen mittels spekulativer Szenarien und Klimamodellierungen untersucht.


Turning the Ecological Gears Ein Projekt, das klimawandelbedingte Kaskadeneffekte und (Öko-)Systemverflechtungen untersucht, und in Form einer interaktiven Installation als Werkzeug und Forschungslabor fungiert, um mögliche Zukünfte zu erforschen.


The Encounters Lab Eine interdisziplinäre, digitale Forschungsplattform, die Wissenschaft und Design miteinander verbindet.

Learnings

Die Zukunft ist kein festgeschriebener Pfad, sondern ein pluraler Raum, der durch unsere heutigen Entscheidungen aktiv gestaltet wird. Design fungiert dabei als Brücke, um komplexe Zusammenhänge durch Szenarien emotional und körperlich begreifbar zu machen und so neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Oft entstehen neue Wege in spannender Zusammenarbeit, im Mut sich zu vernetzen und seinen Interessen nachzugehen.